»What interests participants is not the direct acquiring of specific software (although this can be a consequence), but the way in which reputation and status can be obtained through being noticed as a particularly good source of free software«. Auch wenn der Zugriff auf aktuelle Raubkopien jeglicher Art ein sicherlich erwünschter Nebeneffekt der Mitgliedschaft in der organisierten Raubkopierer-Szene ist, steht dies nicht im Vordergrund.
Die Mitglieder der Szene nutzen nur einen Bruchteil der Raubkopien, die sie erstellen und verbreiten. Goldman nennt vielmehr vier andere Hauptmotive ihres Handelns:
Ego
Die Mitglieder der Release- und der FXP-Szene benutzen Raubkopien für ihren Wettkampf um Anerkennung. Die Erstveröffentlichung einer Raubkopie bzw. die möglichst frühe Verbreitung eines neuen Releases verschaffen den Mitgliedern Anerkennung und szeneinternen Ruhm. Die Anonymität im Internet ist hierbei
hilfreich. Sie ermöglicht den Mitgliedern der Szene, ihre Persönlichkeit nach Belieben offenzulegen, zu verbergen und sogar selber zu definieren. Beurteilt werden Szenemitglieder vor allem nach ihrer Leistung in der Szene. Wer die meisten Raubkopien anbietet oder die aktuellsten Filme oder Programme releasen kann, wird von den anderen Mitgliedern respektiert. So können auch Personen, die sich im »realen Leben« wenig anerkannt fühlen, in der Szene Freundschaften schließen und sogar Bewunderung
erfahren. Das ehemalige Release-Szene-Mitglied BanDiDo vergleicht seinen Respekt vor Szenegrößen mit der Bewunderung von Pop-Stars.
Thrill of the Illicit
Der Reiz, etwas Verbotenes zu tun ist eine weitere Motivation für viele Szenemitglieder. Als Teil der Szene ist man Mitglied einer Untergrundorganisation, die es geschafft hat, sich in den letzten Jahrzehnten mit verschiedenen Methoden vor der Strafverfolgung weitgehend zu schützen. Teil einer derartigen Vereinigung zu
sein, erfüllt die Mitglieder mit einem Gefühl der Einzigartigkeit.
Software should be free
Laut Goldman teilen fast alle Mitglieder der Release-Szene die Überzeugung, dass Software frei sein solle. Sie fühlen sich wie »Internet-Robin-Hoods«, stehen der Softwareindustrie feindlich gegenüber und verbreiten Raubkopien freigiebig innerhalb der Szene ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Der Grundsatz der freien Information stammt noch aus der Zeit der ersten Hacker und wird
heute von vielen Computernutzern vertreten. Die Mitglieder der organisierten Raubkopierer-Szene argumentieren zumeist, dass die Industrie ihre Position ausnutzt, indem sie ihre Produkte zu überhöhten Preisen verkauft, dass sie die Nutzer zwingt minderwertige Produkte zu kaufen, und dass eine gewisse Verletzung des Rechts der Urheber angesichts der Position der Industrie »fair« sei. Auch für das Szenemitglied beneaththecobweb steht die Szene auf der Gegenseite der Industrie: »to say the
scene isn't at least a small 'movement' would be a lie, becasue [sic] much of the scene does disagree with 99% of the policies issued by the riaa/mpaa/etc […]«
Sense of Community
Viele Mitglieder der Release- und FXP-Szene verbindet eine enge Freundschaft. Dass die organisierte Raubkopierer-Szene aus Sicherheitsgründen auf Geheimhaltung angewiesen ist, sorgt für einen engen Zusammenhalt. Loyalität zählt zu den wichtigsten Eigenschaften eines Gruppenmitglieds. Auch für die
Szene gilt, was die Psychologen Sabine Helmers, Ute Hoffmann und Jeanette Hofmann bei ihrer Untersuchung der Cyberkultur feststellten: Die Internet-Teilnehmer schaffen sich ihre eigenen »Kulturräume«, in denen sie »spezifisches Wissen teilen und eigene Regeln, Gesetze, Gewohnheiten, Rituale, Mythen und künstlerische Ausdrucksformen etablieren«.
Da sich die Release Groups und FXP-Boards untereinander in einem harten Wettstreit befinden, wird Zuverlässigkeit von jedem einzelnen Mitglied
verlangt. Das Einhalten von Terminen, versprochenen Leistungen und eine rege Teilnahme werden von jedem erwartet. Dies stärkt wiederum das Gemeinschaftsgefühl. Ein Mitglied der Szene ist somit kein Einzelgänger; egoistisches Verhalten wird in der Szene auch nicht gerne gesehen. »We have no need of egomaniacs, we seek those who wish to be part of the family«, erläutert das Szenemitglied BanDiDo die Anforderung der Release Groups an neue Mitglieder. Ein Szenemitglied ist somit Teil eines
Kollektivs und genießt den starken Zusammenhalt innerhalb seiner Organisation. Dieser wird dadurch begünstigt, dass die Szenen untereinander keine ethnischen, religiösen oder physischen Unterscheidungen treffen. Laut Ruggerio und Taylor herrscht innerhalb von geschlossenen Gruppen, wie beispielsweise Subkulturen, keine Diskriminierung unter den Mitgliedern. Dies ist unter anderem darin begründet, dass ein derartiges negatives Feedback innerhalb einer Minderheit sofort die gesamte Gruppe
betreffen würde. Eine Diskriminierung innerhalb der eigenen Strukturen kommt einer Diskriminierung der gesamten Szene gleich.
Angriffe von außen oder eine negative Berichterstattung durch die Medien verstärken nur das Gemeinschaftsgefühl der Szenen. »In an us-versus-them world (where them refers to software companies, the government, or any form of authority), warez traders already perceive themselves as outcasts«. Eine Verfolgung durch Strafbehörden verstärkt dieses Selbstbild
von einer Gemeinschaft von Ausgestoßenen, die mehr untereinander gemeinsam haben als mit dem Rest der Gesellschaft. Ein Verlassen der Szene wird immer unwahrscheinlicher. »Once socialized into this community, warez traders have trouble leaving it because it becomes the only place where they feel that they belong«. |